Vereinigung der Schulleiter/innen der Stadtteilschulen in Hamburg
in der GGG – Verband für Schulen des gemeinsamen Lernens e.V.

Presse zum Positionspapier

 


Presse-Gesamtübersicht
https://news.google.com/news/story?cf=all&hl=de&pz=1&ned=de&q=stadtteilschule+hamburg&cf=all&ncl=dTK2vNsaWCHct-MfRODULFybtMhYM&scoring=d

Presseecho
19.11.2016: „Das Echo eines lauten Hilfeschreis - Hamburgs Stadtteilschullehrer zur Wirkung ihres brisanten Positionspapiers“, https://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article159604152/Das-Echo-eines-lauten-Hilfeschreis.html?wtrid
11.07.2016: Imagekampagne für die Stadtteilschulen http://www.abendblatt.de/hamburg/article207817569/Mein-Sohn-ist-an-der-Stadtteilschule-aufgeblueht.html
09.07.2016: Hamburger Klassen-Kampf: Der Stadtteilschul-Report, http://www.abendblatt.de/hamburg/article207810425/Hamburger-Klassen-Kampf-Der-Stadtteilschul-Report.html
07.07.2016: 23 Vorschläge zur Rettung der Schule, http://www.zeit.de/hamburg/politik-wirtschaft/2016-07/schulreform-hamburg-streit-politik/komplettansicht
07.07.2016: http://xml.zeit.de/hamburg/politik-wirtschaft/2016-07/rohdaten-schuldebatte/
02.07.2016: http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article156756269/Schulleiter-setzen-auf-Gespraeche-mit-Ties-Rabe.html
30.06.2016: http://m.bild.de/regional/hamburg/hamburger-buergerschaft/kapituliert-vor-schul-chaos-46566104.bildMobile.html
24.06.2016: http://m.taz.de/Neue-Schul-Debatte-in-Hamburg/!5313084;m/
22.06.2016: https://www.gew-hamburg.de/themen/schule/weckruf-an-den-senator
22.06.2016: http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2016-06/schulen-hamburg-gymnasium-stadtteilschule-probleme
22.06.2016: http://www.all-in.de/nachrichten/deutschland_welt/politik/Hamburger-Stadtteilschulleiter-wollen-Umbau-des-gesamten-Schulsystems;art15808,2311102
22.06.2016: http://www.ksta.de/schulleiter-kritisieren-hamburger-schulmodell-24276092
22.06.2016: http://www.bild.de/regional/aktuelles/schulleiter-kritisieren-hamburger-schulmodell-46438394.bild.html
22.06.2016: http://www.wirtschaft.com/hamburger-stadtteilschulleiter-wollen-umbau-des-gesamten-schulsystems/
https://www.piqd.de/hamburg/hamburger-schulsystem-es-rappelt-schon-wieder-im-karton
22.06.2016: http://www.welt.de/regionales/hamburg/article156474159/Hamburgs-Schulleiter-fordern-Schulen-fuer-alle.html
http://www.welt.de/regionales/hamburg/article156599929/Senator-zeigt-wenig-Verstaendnis-fuer-Schulleiter.html

http://www.abendblatt.de/hamburg/article207719029/Droht-in-Hamburg-eine-neue-Debatte-ueber-die-Schulstruktur.html
http://www.abendblatt.de/hamburg/article207715567/Hamburgs-Stadtteilschulleiter-wollen-eine-Schule-fuer-alle.html
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Schulleiter-kritisieren-Hamburger-Schulmodell,schulleiter142.html
http://www.mopo.de/hamburg/politik/hamburger-schulleiter-schlagen-alarm-droht-ein-neuer-schulkrieg--24277812
http://www.joeran.de/jra013-schulfrieden-hamburg/

Radio
09./10.072016: Bildungsreport
http://media.ndr.de/download/podcasts/podcast2984/AU-20160610-1023-5600.mp3
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2016/06/24/streit_um_stadtteilschulen_in_hamburg_dlf_20160624_1443_88c37081.mp3
http://www.ardmediathek.de/radio/Campus-Karriere-Deutschlandfunk/Streit-um-Stadtteilschulen-in-Hamburg/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?bcastId=21601056&documentId=36176482


Fernsehen
02.07.2016: https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Stadtteilschulen-brauchen-Ideen-statt-Streit,themaderwoche668.html (Hamburg-Journal zum Bürgerschaftssitzung am 29.06.2016)
http://www.hamburg1.de/nachrichten/28848/Schalthoff_Live.html
(Sendung vom 28.6.2016)
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hamburg_journal/Hamburg-Journal,sendung524870.html (22.06.2016)

Veranstaltung
Einladung Zukunftswerkstatt
(02.07.2016)
Bericht von der Zukunftswerkstatt: „Schule der Zukunft? ‚Raus aus Routine und Resignation!‘“
http://www.linksfraktion-hamburg.de/2016/07/08/schule-der-zukunft-raus-aus-routine-und-resignation/

Hamburgische Bürgerschaft am 29.6.2016 zum Positionspapier
https://www.google.de/search?q=B%C3%BCrgerschaft+Stadtteilschulen&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-ab&gfe_rd=cr&ei=hqp0V42ZOqbb8Af-iIXwCw
(Übersicht - verschiedene Medien)
http://m.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article207752919/Scherbenhaufen-Schlagabtausch-ueber-Stadtteilschulen.html


11.7.16 HA
http://www.abendblatt.de/hamburg/article207816893/Mein-Sohn-ist-an-der-Stadtteilschule-aufgeblueht.html

Schulsenator Ties Rabe (SPD) hält eine Imagekampagne für die problembeladene Schulform für sinnvoll

Hamburg. Peter Wenig

Nach dem "Brandbrief" der Stadtteilschulleiter bezieht Schulsenator Ties Rabe (SPD) in der lebhaften Diskussion über die Zukunft der Schulform Stellung. Die Stadtteilschulen seien nicht in Gefahr, müssten aber gerade die Erwartungen der Eltern leistungsstärkerer Kinder ernster nehmen.

Herr Rabe, 51 der 58 Schulleiter der Stadtteilschulen prognostizieren, dass sich 2020 nur noch 30 Prozent der Fünftklässler für diese Schulform anmelden werden, 70 Prozent würden das Gymnasium wählen. Steht die Stadtteilschule vor dem Aus?

Ties Rabe: Wir sehen in ganz Deutschland einen unübersehbaren Trend zum Gymnasium. Es gibt schon jetzt Regionen, in denen zwei Drittel der Eltern ihr Kind beim Gymnasium anmelden. Hamburg kann sich gegen diesen Bundestrend nicht stemmen. Aber auch künftig werden immer noch Zigtausende Schüler in Hamburg eine Stadtteilschule besuchen. Nein, diese Schulform ist nicht in Gefahr.

Als die Stadtteilschulen vor fünf Jahren eingeführt wurden, gab es Bildungspolitiker, die einen Schüleranteil von mehr als 50 Prozent prognostizierten.

Rabe: Das war sehr wagemutig. Dennoch ist die Stadtteilschule wesentlich besser als ihr Ruf.

In der Tat haben Stadtteilschulen mehr junge Menschen zum Abitur und in Ausbildung gebracht, die Abbrecherquote zudem gesenkt. Aber anscheinend bekommt das keiner mit.

Rabe: Die Diskussion ist in Teilen nicht fair. Die Stadtteilschulen werden regelrecht seziert, jedes Problem analysiert und bewertet. Wenn Grundschulen oder Gymnasien nach den gleichen Maßstäben untersucht würden, würde man ebenfalls viele Punkte finden, die man besser machen könnte. Aber das passiert nicht.

Werber würden Ihnen eine Imagekampagne empfehlen.

Rabe: In der Tat denken wir darüber intensiv nach, gute Werbeagenturen gibt es ja in Hamburg genügend. Möglich wäre auch eine Kampagne mit Personen des öffentlichen Lebens für Stadtteilschulen. Aber für die beste Imagewerbung sorgen Lehrerinnen und Lehrer sowie Schulleiterinnen und Schulleiter, die positiv über ihre eigene Schule reden. An den Gymnasien klappt das in aller Regel sehr gut.

Auch unter PR-Gesichtspunkten dürfte Ihnen da der Brandbrief der Schulleiter der Stadtteilschulen nicht gefallen haben.

Rabe: Der Brief wird es den Stadtteilschulen in der nächsten Anmelderunde nicht leichter machen. Der Brief ist die eine Sache, die mediale Diskussion eine andere. Da gibt es jetzt Schlagzeilen mit der Richtung, dass der Untergang der Stadtteilschule bevorstehe. Wenn Eltern solche Artikel lesen, kann ich verstehen, wenn sie sich fragen, ob diese Schulform die richtige für ihr Kind ist.

Die Schulleiter fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Warum hat man den Stadtteilschulen bei der Einführung vor fünf Jahren auch noch die Inklusion, also die Integration von Kindern mit Behinderung, aufgebürdet?

Rabe: Die Enquetekommission hatte damals davor gewarnt, dass dies für eine Schulform im Aufbau schwierig zu stemmen sei. Dennoch hat die Bürgerschaft mit großer Mehrheit dafür gestimmt. Die Politiker, die das heute bekritteln, sollten sich an ihr eigenes Abstimmungsverhalten erinnern. Und nicht so tun, als wären sie damals nicht dabei gewesen. Dennoch: Wir sollten jetzt nicht klagen, sondern nach vorn gucken und die Aufgaben anpacken. Viele Schulen schaffen die Inklusion hervorragend und haben gute Anmeldezahlen. Das sollte uns Mut machen.

Und jetzt kommen in die Stadtteilschulen auch noch die Flüchtlingskinder. Wie soll das gehen?

Rabe: So wie in allen anderen Bundesländern. In Hamburg besuchen zur Entlastung der Stadtteilschulen sogar 25 Prozent der Flüchtlingskinder ein Gymnasium, diese Quote schafft kein anderes Bundesland. Aber nicht jedes Flüchtlingskind kann nach mehrjähriger Flucht und einem Jahr in einer Flüchtlingsklasse direkt in einer Gymnasialklasse mithalten.

Das Hauptproblem bleibt doch, dass den Stadtteilschulen die leistungsstarken Schüler fehlen. Bei den Anmeldungen liegt der Anteil der Kinder mit einer Gymnasialempfehlung bei fünf Prozent.

Rabe: Das ist der Durchschnitt. Es gibt aber auch Stadtteilschulen mit einem wesentlich höheren Anteil. Und es gibt Schulen, die haben niemanden mit einer Empfehlung. Gleichwohl schaffen am Ende 30 Prozent der Schüler in Stadtteilschulen das Abitur. Leistungsstarke Kinder wählen das Gymnasium, weil sie guten Fachunterricht, Begabungsförderung und Leistung erwarten. Wer diese Kinder für die Stadtteilschulen gewinnen will, muss ihre Erwartungen ernst nehmen. Wir müssen deutlich machen, dass die Stadtteilschulen keine Sonderform sind für Kinder, die langsam oder schlecht lernen. Sondern eine Schule, die sehr wohl auch begabte Kinder fördert. Wir reden hier zu viel über Inklusion und zu wenig über Begabtenförderung. Beides ist möglich.

War vielleicht früher alles besser? Mit dem klassischen dreigliedrigen Schulsystem, mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium?

Rabe: Früher gab es auch noch Berufe wie Tankwart oder Pförtner. Solche Jobs sind heute zumeist wegrationalisiert oder verlagert worden. Dagegen haben Berufe, für die man studiert haben muss, deutlich zugenommen. Wer meint, er könne mit den Bildungsrezepten von gestern die gesellschaftlichen Aufgaben von morgen erfüllen, wird sein blaues Wunder erleben. Hamburgs Eltern haben die Hauptschulen abgewählt. Dieses Urteil sollten wir ernst nehmen.

Dennoch klagen Handwerksbetriebe über die Qualität der Bewerber für Ausbildungsplätze, besonders in Mathematik und Deutsch. Diese Personalprobleme würden manche Betriebe gefährden.

Rabe: Ich kenne diese Weltuntergangsszenerien. Und dann wundere ich mich doch sehr, dass keine Wirtschaft in Europa so boomt wie die deutsche. Mich stört, dass immer jeweils die vorangegangene Institution schuld sein soll. Die Betriebe schieben es auf die weiterführende Schule, die weiterführende Schule auf die Grundschule, die Grundschule auf die Kita, die Kita auf die Eltern. Jeder aus dieser Kette sollte sich überlegen, was er selbst tun kann, um die Situation zu verbessern.

Aber muss man nicht von unseren Schulen erwarten, dass die Schüler nach der neunten oder zehnten Klasse zumindest in Rechnen und Rechtschreibung fit sind?

Rabe: Es stimmt, die Schulen sollten sich auf diese Kompetenzen noch stärker konzentrieren. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass die Gesellschaft von den Schulen immer mehr verlangt. Als ich zur Schule ging, gab es keine Gesundheitserziehung, keine Ernährungskunde, keine Klassenlehrerstunde, keine Medienkunde. Wenn Schule das alles übernehmen soll, bleibt weniger Zeit für die klassischen Fächer. Aber wie gesagt, wir neigen auch dazu, bei den Stadtteilschulen alles zu problematisieren. Dabei schlagen die meisten Stadtteilschüler heute in Englisch Schüler wie mich, die vor 40 Jahren in Schleswig-Holstein ein Gymnasium besucht haben, locker aus dem Feld. Ich bin noch durch meine Schullaufbahn gegangen, ohne ein einziges Referat zu halten. Auch da sind unsere Schüler heute viel besser.

Ein weiteres Problem ist für die Stadtteilschule die Aufnahme der vielen Schüler, die vom Gymnasium nach der sechsten Klasse abgeschult werden. Diese oft völlig frus­trierten Kinder müssen in bestehende Klassen irgendwie integriert werden. Warum verpflichten Sie die Gymnasien nicht dazu, jeden Schüler, der einmal dort angefangen hat, zu behalten?

Rabe: Dann würden sich noch mehr Kinder am Gymnasium anmelden. Und wir würden die Gymnasien durch die Hintertür zu Gemeinschaftsschulen machen. Das geht nicht. Das bringt unser zweigliedriges Schulsystem nun einmal mit sich. Dennoch machen wir uns Gedanken, wie wir die Zahl der Kinder, die dieses Gefühl des Versagens erleben müssen, verringern können. Wir haben uns dazu die Gymnasialempfehlungen genauer angeschaut und festgestellt, dass diese Zahl stark differiert, auch bei Schulen im selben Stadtteil. Es gibt Grundschullehrer, die neigen bei der Einschätzung des Könnens ihrer Schüler zu freihändigem Optimismus, andere zu übergroßem Pessimismus. Da brauchen wir klarere Kriterien, auf die sich die Eltern verlassen können. Und ihnen dann auch erklären, wie viel Leid sie bei ihrem Kind auslösen können, wenn sie es mit einem Gymnasium überfordern. Heute denken leider manche Eltern, dass ihr Kind es mal am Gymnasium versuchen soll, wenn es nicht reicht, wechselt es eben noch mal.

Viele Eltern fürchten schlicht das soziale Umfeld in einer Stadtteilschule.

Rabe: Als unser Sohn das Gymnasium verlassen musste, hatte ich diese Ängste auch. Aber er ist dann an der Stadtteilschule regelrecht aufgeblüht. Die Atmosphäre war viel entspannter. Und es gab kein klammheimliches Mobbing mehr.

Wäre es nicht der beste Weg, das Elternwahlrecht bei der weiterführenden Schule abzuschaffen?

Rabe: Mit mir als Senator ist das nicht zu machen. Wir werden Eltern und Kinder nicht entmündigen. Und damit würden wir den Schulen auch in Sachen Qualitätsentwicklung keinen Gefallen tun. Wenn wir als Behörde die Kinder den Schulen automatisch zuweisen würden und den Wettbewerb aushebeln, gäbe es keinen Grund mehr für die Schulen und die Schulpolitiker sich anzustrengen, um besser zu werden.

Sind Sie manchmal neidisch auf Kollegen in der Kultusministerkonferenz? Während sich die zuständigen Minister aus Sachsen, Thüringen, Brandenburg oder Bayern für gute PISA-Tests feiern lassen können, haben Sie an vielen Fronten nichts als Ärger.

Rabe: Der ehemalige Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner, der zuvor in Rheinland-Pfalz Minister war, hat mir mal gesagt, dass zwei Jahre Minister in einem Stadtstaat so hart seien wie zehn Jahre in einem Flächenland. In Sachen öffentlicher Aufregung bei Schuldebatten sind wir jedenfalls Spitze.

Bei den PISA-Tests leider nicht.

Rabe: Dennoch liefern wir etwa in Englisch gute Ergebnisse. Auch beim selbst organisierten Lernen sowie Kreativität sind wir mit vorn, was bei PISA nicht berücksichtigt wird. Insgesamt liegen wir dort auf den hinteren Plätzen. Entsprechend viel gibt es zu tun.


 

9.7.16 HA
http://www.abendblatt.de/hamburg/article207810425/Hamburger-Klassen-Kampf-Der-Stadtteilschul-Report.html
Hamburger Klassen-Kampf: Der Stadtteilschul-Report

09.07.16
Bildung Hamburger Klassen-Kampf: Der Stadtteilschul-Report

Von Marc Hasse, Peter-Ulrich Meyer, Peter Wenig

Schüler der Ilse-Löwenstein-Schule beim Projekt „Superklasse“

Droht die Stadtteilschule zu scheitern? Woran die 2010 eingeführte Schulform krankt und wo ihre Chancen liegen – ein Dossier.

Hamburg. Alle Zahlen, Daten und Fakten zu den Stadtteilschulen laufen in einem kleinen, unscheinbaren Büro zusammen, das – passenderweise – in einer ehemaligen Schule in Hamm liegt. Jenny Tränkmann hat die Aktenordner der Schuljahresstatistiken ausgebreitet. Der Laptop ist aufgeklappt. Tränkmann ist Mitarbeiterin der Abteilung "Systemanalysen und Bildungsberichterstattung" des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung, kurz IfBQ, das der Schulbehörde angeschlossen ist. Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat gewissermaßen seine eigene Forschungsabteilung.

Wer wissen will, wie es um die in die Kritik geratenen Stadtteilschulen wirklich steht, der kommt an der Wissenschaftlerin also nicht vorbei. "Hamburg ist im Bereich Schuldaten sehr gut aufgestellt", wird Tränkmann am Ende des Gesprächs sagen. Das stimmt: Die Leistungen der Schüler nicht nur an Stadtteilschulen werden fortlaufend gemessen und verglichen, die Schulinspektion liefert wichtige Informationen zur Entwicklung der einzelnen Standorte. Hamburg testet und prüft Schüler und Schulsystem wie kaum ein anderes Bundesland, PISA und die anderen nationalen und internationalen Vergleichsstudien kommen ja noch hinzu.

Aber Tränkmann warnt vor voreiligen Schlüssen. In dem komplexen Feld Schule seien pauschale Zuschreibungen, dass alles schrecklich oder alles super ist, ohnehin unangebracht. Die Wissenschaftlerin plädiert also für eine differenzierte Betrachtung. Die 58 Stadtteilschulen, die es in Hamburg gibt, unterscheiden sich zum Teil erheblich. Es gibt Standorte, die aus ehemaligen Haupt- und Realschulen hervorgegangen sind, bisweilen sind mehrere Schulen (und damit mehrere Kollegien) zusammengelegt worden. Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel ehemalige Gesamtschulen, die nun als Stadtteilschulen zwar einen neuen Namen tragen, ihr pädagogisches Konzept aber nicht völlig umkrempeln mussten und auch schon seit Langem eine Oberstufe haben.

Das ist die Ausgangslage. Doch praktisch seit dem Start der Stadtteilschulen vor gerade einmal fünf Jahren wird über die angebliche Krise dieser Schulform diskutiert. Und ausgerechnet die Schulleiter der Stadtteilschulen selbst – 51 der 58 – haben nun mit einem als Brandbrief titulierten fünfseitigen Positionspapier eine Lawine ins Rollen gebracht.

Nur noch 42 Prozent der künftigen Fünftklässler wurden im Februar für die Stadtteilschulen angemeldet, 54 Prozent dagegen für die Gymnasien – nie war der Abstand größer. "Setzt sich dieser seit Jahren andauernde Trend fort, werden im Jahr 2020 etwa 70 Prozent der Hamburger Schüler das Gymnasium besuchen. Damit wäre das Zwei-Säulen-Modell gescheitert", schreiben die Schulleiter, weil weder das Gymnasium noch die Stadtteilschule dann noch ihren Bildungsauftrag erfüllen könnten. Sie sprechen sich für die "Schule für alle" aus. Es klingt beinahe ein wenig nach Selbstaufgabe im Wettkampf mit der mächtigen Konkurrenz Gymnasium.

Jenny Tränkmann ist dieses Szenario zu pessimistisch. Die Anmeldezahlen seien in diesem Jahr zwar gesunken, daraus lasse sich aber noch kein Trend ableiten. Schaut man sich die längerfristige Entwicklung der Anmeldezahlen an, die Tränkmann griffbereit hat, dann ergibt sich, dass im Schuljahr 2011/12 immerhin 46 Prozent der Fünftklässler eine Stadtteilschule besuchten. Im vergangenen Jahr waren es 45, davor nur 44 Prozent. Aber: Bis zum Beginn des Schuljahres legen die Stadtteilschulen meist noch etwas zu. Manche Eltern entscheiden sich um, oder Kinder werden nachgemeldet.

Im Übrigen können die Stadtteilschulen in den fünf Jahren ihrer Existenz unbestreitbar Leistungen vorweisen. Dazu zählt, dass mittlerweile rund 30 Prozent der Schüler, die in Klasse fünf starten, schließlich das Abitur ablegen. Und das, obwohl nur rund fünf Prozent eine Gymnasialempfehlung haben, nach Auffassung der Grundschullehrer imstande sind, das Abitur zu schaffen. Den Stadtteilschullehrern gelingt es also, schlummernde Begabungen bei einer Vielzahl von Schülern zu wecken.

Die Zahl der Schulabbrecher, die ohne Abschluss bleiben, ist deutlich reduziert worden: Waren es noch 2006 im alten mehrgliedrigen Schulsystem 11,3 Prozent eines Jahrgangs, so sank der Anteil 2010 auf 8,3 Prozent. Und nach Gründung der Stadtteilschulen gelang eine weitere Reduzierung auf 4,9 Prozent 2014. Auch der Anteil der Schüler, die nach der Schule in die duale Ausbildung wechseln, hat sich erhöht. Insgesamt sind die Stadtteilschulen um 40 Prozent besser mit Lehrkräften ausgestattet als gleich große Gymnasien. In absoluten Zahlen: Seit dem Start der Schulform sind 1400 Lehrer zusätzlich an die Stadtteilschulen gekommen.

Warum viele Eltern dem Gymnasium den Vorzug geben

Das ist die eine Seite der Medaille, die glänzende. Die andere sieht nicht so schön aus, aber sie gehört zur Realität. Die Stadtteilschulen sind überproportional mit sozialen Problemen konfrontiert. Fast 40 Prozent der Standorte liegen in sozial besonders belasteten Gebieten – hier ist die Arbeitslosenquote hoch, und die Elternhäuser gelten überproportional als bildungsfern. Und hier ist besonders häufig Deutsch nicht die Muttersprache der Schüler. Bei den Gymnasien ist es umgekehrt: Nur drei von 61 liegen in solchen Stadtteilen. Die Startchancen sind also ungleich verteilt.

Hinzu kommt, dass die Stadtteilschulen auch die Hauptlast der Inklusion schultern müssen, also den gemeinsamen Unterricht von förderbedürftigen Kindern mit den anderen. Und es sind wiederum die Schulen mit niedrigem Sozialindex, die besonders betroffen sind. Hier liegt der Anteil der Kinder mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache sowie soziale und emotionale Entwicklung (LSE) bei 16,8 Prozent. In den wenigen Stadtteilschulen in eher wohlhabenden Vierteln beträgt die Quote lediglich 7,3 Prozent.

Und: Auch die Flüchtlingskinder besuchen zu mehr als drei Vierteln Stadtteilschulen und überproportional häufig Standorte mit niedrigem Sozialindex – fast 60 Prozent der geflüchteten Kinder werden hier unterrichtet.

Es ist also ein Potpourri von Problemen, denen sich die Stadtteilschulen stellen müssen. Und das, seien wir ehrlich, viele Eltern gerade leistungsbereiter Kinder abschreckt. "Viele Eltern wollen lieber homogene Lerngruppen für ihre Kinder: eine ungefähr gleiche soziale Lage und Leistung", weiß Tränkmann. "Aber das ist schon lange nicht mehr Realität, auch nicht an den Gymnasien."

Es gebe, und hier spricht eher die Mutter schulpflichtiger Kinder, zwei irrationale soziale Ängste von Eltern der Stadtteilschule gegenüber: "Lernt mein Kind dort genug, wenn es mit langsamen Lernern in einer Klasse ist? Und dann ist da eine diffuse Angst vor dem schlechten Einfluss, dass das Kind in falsche Kreise gerät." Die Wahl der Schule entspreche immer auch dem Wunsch nach Abgrenzung, fügt Tränkmann hinzu.

Diese tief sitzenden Einstellungen von Vätern und Müttern wird man mit dem Blick auf Jenny Tränkmanns Diagramme und Zahlenreihen wohl nicht verändern können. Und so ist ein Paradox zu beobachten: Einerseits ist der Leidensdruck von Lehrern, Eltern und Schülern an Stadtteilschulen bisweilen so groß, dass sie auf Missstände aufmerksam machen möchten. Und auf der anderen Seite regiert bei ihnen die Sorge, gerade dadurch der Schulform weiteren Schaden zuzufügen. Deswegen schweigen manche lieber.

Wer als Journalist in diesen Tagen das Gespräch mit Lehrern oder Lehrerinnen von Stadtteilschulen sucht, hört daher fast immer eine Bitte: den Ruf dieser Schulform nicht durch weitere negative Berichterstattung noch weiter zu verschlechtern. Viele Lehrkräfte nervt inzwischen, dass die Probleme der Stadtteilschulen medial bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet würden – ganz im Gegensatz zu den Gymnasien. Sie werten dies auch als mangelnde Wertschätzung ihres Engagements.

Statt große Lösungen zu suchen, solle man lieber die offenkundigen Pro¬bleme angehen. So klagt eine Lehrerin, dass das System der Schulbegleiter für Kinder mit schweren Behinderungen nur unzureichend funktioniere: "Wenn sich der Begleiter krankmeldet, dauert es oft mehrere Tage, bis der Träger Ersatz stellt. Dies macht den Unterricht für uns noch schwerer." Eine Kollegin einer anderen Schule plädiert dafür, dass die Schulen ein vernünftiges Frühstück anbieten sollten: "Ich habe hier Kinder mit ADHS, die kriegen von ihren Eltern statt eines Brotes nur etwas Geld mit. Die kaufen sich davon dann Fanta im Supermarkt. Und sind dann so aufgedreht, dass ich sie den ganzen Tag die Treppe rauf und runter laufen lassen könnte."

Im Gespräch mit Schulleitern hört sich die Lage etwas anders an, freundlicher, optimistischer. "Die Inklusion gelingt noch nicht immer, aber wir sind auf einem guten Weg", sagt Helga Smits, Schulleiterin der Stadtteilschule Am Heidberg in Langenhorn. Vor zwei Jahren, 2014, war die Aufregung an ihrer Schule groß. Lehrer und Eltern hatten in einem offenen Brief an Schulsenator Rabe die Zustände an der Schule angeprangert: "Aufgrund der hohen Zahl verhaltensauffälliger Schüler ist ein halbwegs normaler Unterrichtsalltag in vielen Klassen nur möglich, weil unsere engagierten Kollegen über ihre Belastungsgrenze hinaus in vielen Stunden unbezahlter Mehrarbeit für das Gelingen der Inklusion in den Klassen kämpfen." Und: "Wir nehmen wahr, dass immer weniger leistungsstarke Schüler zu uns an die Schule kommen." Ein Hilferuf.

"Wir haben unsere Konsequenzen gezogen und achten heute sehr genau darauf, wie wir die Klassen zusammensetzen", sagt Smits. Damals habe es besonders viele Kinder mit sozialen und emotionalen Problemen gegeben, die eher Störungen im Unterricht verursachen. Heute ist der Anteil der Kinder mit Defiziten in den Bereichen Lernen und Sprache höher. "Die Belastung der Kollegen ist sehr hoch", sagt auch Ralf Pöhler, Schulleiter der benachbarten Fritz-Schumacher-Schule.

Die beiden Stadtteilschulen, mit 950 bzw. 1000 Schülern, führen eine gemeinsame Oberstufe am Foorthkamp. Deren Leistungsbilanz kann sich sehen lassen: 100 bis 120 Schüler machen pro Jahr Abitur. "Wir führen zu höchstmöglichen Abschlüssen. Wir führen wirklich, wir unterstützen, kontrollieren und lassen nicht laufen", betonen Smits und Pöhler.

Auch Smits und Pöhler hätten gern mehr starke Schüler bereits in Klasse fünf. Smits' Schule hat ein anerkanntes Sportprofil, es gibt eine Kooperation mit dem HSV. "An den Informationstagen kommen Eltern wegen des Profils zu uns und weil sie ihrem Kind ein Jahr länger bis zum Abitur wünschen", erzählt die Schulleiterin. "Zum Schluss frage ich: Wo wohnen Sie? Und dann wohnen die manchmal 100 Meter zu weit weg." In Hamburg gilt striktes Wohnortprinzip. Wer zu weit weg wohnt, hat keine Chance. "Diese Schüler gehen dann nicht auf eine andere Stadtteilschule, sondern auf ein Gymnasium." Auch in der Schulbehörde wird nun darüber nachgedacht, Schulen zu ermöglichen, einen Teil ihrer Schüler selbst auszuwählen.

Szenenwechsel: Wenn Kay Stöck heute über die Stadtteilschule Stübenhofer Weg redet, dann spricht er noch immer von "meiner Schule". Das Thema lässt ihn auch ein Jahr nach seiner Pensionierung nicht los. Kein Wunder, schließlich war er als ehemaliger Chef der Schule in Kirchdorf-Süd in der Hamburger Bildungsszene so bekannt wie sein 1997 verstorbener Vater Wilhelm als Nachrichtensprecher beim "Tagesschau"-Publikum. 2013 sorgte der Schulleiter für einen handfesten Eklat. Er ließ ein NDR-Team über Wochen in der Schule drehen, die Reportage "Lehrer am Limit" löste eine bundesweite Debatte über den Schulalltag in sozialen Brennpunkten aus. Da die Schulbehörde den Dreh nicht genehmigt hatte, kassierte Stöck ein Dienstaufsichtsverfahren.

Von seinem Widerspruchsgeist hat der ehemalige Schulleiter auch als Pensionär nichts verloren: "Ich verstehe nicht, dass sich meine ehemaligen Kollegen nicht klarer positionieren." Wobei Stöck die Stadtteilschule zurzeit nicht infrage stellen würde. Beim Besuch in der Abendblatt-Redaktion hat er ein Diagramm mitgebracht, das die Lernentwicklung der Schulen im Vergleich zu Gymnasien zeigt: "Stadtteilschüler legen da zum Teil mehr zu als Gymnasiasten."

Das Problem sei aber das extrem unterschiedliche Niveau zu Beginn – gerade an einer Schule wie am Stübenhofer Weg mit rund 85 Prozent Migrationshintergrund und Eltern, die zu 45 Prozent Hartz IV beziehen. Etwa ein Drittel der Schüler lande am Ende der Schulzeit in der sogenannten Ausbildungsvorbereitung: "Das klingt gut, heißt aber nur, dass ein Drittel unserer Schüler noch nicht so weit ist, um von einem Betrieb oder einer weiterführenden Schule aufgenommen zu werden. Das damit verbundene gesellschaftliche Dilemma können wir uns nicht länger leisten."

Stöck plädiert für tief greifende Änderungen: "Für Schulen wie den Stübenhofer Weg sollten in erster Linie die Kernfächer Mathe, Deutsch und Englisch zählen. Die gewonnene Zeit müssen wir dann in Praxis investieren, um die Schüler gezielt auf eine Lehre vorzubereiten. Die Kinder müssen lernen anzupacken, für die meisten wäre eine Handwerkerausbildung optimal." Jede Stadtteilschule sollte sich ein Profil zulegen können, in Kirchdorf-Süd wäre das Profil Produktion passend.

"Und hört endlich auf, das Abitur für alle Schüler zum wichtigsten Ziel einer schulischen Laufbahn zu erklären", sagt Stöck. "Wir müssen weg von den Unterrichtsfach-Experten hin zu praxiserfahrenen Pädagogen, die Kinder begeistern können." Stöck erzählt von einem Lehrer, der als ausgebildeter Koch gearbeitet hat: "Der führt bei uns mit Neuntklässlern ein Restaurant als Schüler-Firma. Neben der Kunst des Kochens vermittelt er betriebswirtschaftliche Kalkulation und Buchführung."

Ganz anders als auf der Elbinsel ist die Lage im vornehmen Stadtteil Winterhude. Hier liegt die Heinrich-Hertz-Schule. Die ehemalige Lichtwarkschule ist ein Standort mit großer Geschichte. Hier lernten zum Beispiel Helmut und Loki Schmidt.

Die Heinrich-Hertz-Schule ist beides in einem: Gymnasium und Stadtteilschule. "Wir sind die Schule für alle", sagt Schulleiterin Susanne Hilbig-Rehder selbstbewusst. In den Klassen fünf und sechs lernen die Kinder gemeinsam, danach wird getrennt: in der Regel in zwei Gymnasial- und fünf Stadtteilschulzüge. Die Gymnasiasten wechseln nach Klasse zehn in die Oberstufe, die Stadtteilschüler folgen nach einem Jahr Vorstufe. Zwar haben beide Züge in den Klassen sieben bis zehn keinen regulären gemeinsamen Unterricht, aber sie begegnen sich in Arbeitsgemeinschaften, bei Projekten und auf Reisen.

Der Clou sind die beiden ersten gemeinsamen Jahre. Alle Schüler können in Klasse sechs mit der zweiten Fremdsprache starten. "Dadurch halten wir die Tür für alle offen, auf den Gymnasialzug zu wechseln", sagt Hilbig-Rehder. Beim Übergang in die siebte Klasse entscheiden die Leistungen der Schüler. Danach gibt es kaum Wechsel zwischen den Zügen. So oder so: Die Schüler bleiben im vertrauten Umfeld der Schule.

Die Heinrich-Hertz-Schule entgeht einem Problem, über das viele Stadtteilschulen stöhnen: Am Ende von Klasse sechs müssen jedes Jahr mehrere Hundert Schüler das Gymnasium wegen zu schwacher Leistungen verlassen und werden auf eine Stadtteilschule verteilt. "Die kommen aus dem Tal der Frustrierten und brauchen in der Regel ein Jahr, bis sie sich akklimatisiert haben", sagt Helga Smits von der Schule Am Heidberg. Ralf Pöhler weist darauf hin, dass in Jahrgang sieben ohnehin viel Unruhe ist, weil die Klassenfrequenz in dieser Stufe steigt (25 statt wie zuvor 23 Kinder) und erneut die Beziehungsarbeit großen Raum einnimmt. Ein Grund, warum die Schulformwechsler an Stadtteilschulen bisweilen nicht mit offenen Armen aufgenommen werden, obwohl es eher leistungsstärkere Kinder sind.

Kann die Heinrich-Hertz-Schule mit beiden Schulformen unter einem Dach ein Modell sein? Susanne Hilbig-Rehder reagiert zurückhaltend. "So einfach ist es nicht", sagt sie. Ihre Schule habe eine lange Tradition mit dieser Organisationsform, war früher kooperative Gesamtschule. "Wir waren immer auch ein Gymnasium mit einem entsprechend geprägten Kollegium." Und mit 1400 Schülern und sieben Parallelklassen auch ein genügend großes System, um differenzieren zu können. "Wir sind nie mit missionarischem Eifer aufgetreten", ergänzt Hans-Jürgen Klimpki, Abteilungsleiter für die Klassen fünf bis sieben.

Eine Krankenkasse finanziert das Projekt "Superklasse"

Manchmal sind es völlig unkonventionelle Ideen, die die Schulen voranbringen: Musikraum, Ilse-Löwenstein-Stadtteilschule in Barmbek-Süd. Musiklehrerin Nicole Kloppenburg bittet um Ruhe und Konzentration, öffnet dann die Sounddatei auf ihrem Laptop. Das Playback mit Synthesizer-Klängen perlt aus den Lautsprechern. Die vier Mädchen stimmen sofort ein, den vier Jungs ist die Angelegenheit vor allem eines: peinlich. Ein Schüler zieht das Textblatt so hoch vor sein Gesicht, dass man gerade noch die Augenbrauen sieht.

Schüler der Ilse-Löwenstein-Stadtteilschule in Barmbek-Süd proben für das Projekt „Superklasse“

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Seit 2009 gibt es das Projekt "Superklasse", finanziert von der Techniker Krankenkasse. Die Idee: Schüler schreiben einen Songtext zum Thema, was sie brauchen, um ein gesundes Leben führen zu können, ein Profi komponiert die passende Musik. Produziert wird der Song dann in einem Tonstudio, auch ein Video wird gedreht. "Alle Kinder lieben Musik", sagt Projektleiterin Annette Quinton. Es gehe darum, Ressourcen zu wecken, Kinder zu ermutigen, neue Erfahrungen zu machen.

Der Weg dahin ist kein leichter. Als die Technik für ein paar Minuten versagt, kaspern die Jungs sofort, pulen an den Mikrokabeln. "Seid vorsichtig, die Dinger sind teuer", ermahnt die Musiklehrerin, die in diesen Wochen an mehreren Schulen probt, auch in Wilhelmsburg und Lurup. Es geht nur mit einem immensen privaten Engagement, nur für wenige Unterrichtsstunden wird sie für das Projekt freigestellt. "Ich spüre, dass die Kinder Selbstvertrauen tanken, Schritt für Schritt ihre Kreativität entwickeln." In der Tat: Am Ende der Doppelstunde rappen die Jungs begeistert: "Das sollten Kinder nicht erleben: dass Angst ihnen die Hoffnung raubt."

In Jenny Tränkmanns Büro geht der Nachmittag langsam zur Neige. Eine Antwort muss noch gegeben werden: "Der Wert des Abiturs ist überall in Hamburg gleich", sagt sie. Dafür sorgten auch die zentral gestellten Aufgaben im Abitur. Allerdings schneiden die Gymnasiasten bei den schriftlichen Abi-Prüfungen in Deutsch, Englisch und Mathematik im Durchschnitt um eineinhalb Punkte besser ab als die Stadtteilschüler. Die kamen zuletzt auf 7,3 Punkte, die Gymnasiasten auf 8,8 – aber das ist der Durchschnitt.

Tränkmann hat etliche Vorschläge, um die Schulen attraktiver zu machen. Mehr Profilbildung, mehr Flexibilität, das sagt auch sie. Und sie plädiert für unterschiedliche Lerntempi. Wer langsamer lernt, könnte doch auf die zweite Fremdsprache verzichten, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sie hält auch die Trennung der Lerngruppen in Klasse zehn für bedenkenswert: Die einen bereiten sich auf die Oberstufe vor, die anderen machen ihren Realschulabschluss oder hängen nach dem Hauptschulabschluss ein Jahr dran. "Kreative Lösungen ausprobieren und prüfen, was für den jeweiligen Standort passt", nennt sie das. "Die Schulform gibt es seit fünf Jahren. Der erste reine Stadtteilschuljahrgang ist jetzt in Klasse zehn." Und dann sagt sie einen Satz, der Mut machen soll: "Die Stadtteilschulen sind nicht zu Ende entwickelt." Ein Lichtstrahl fällt in ihr kleines Büro.


„Die Pause ist vorbei –
Ein Notruf von den Chefs der Stadtteilschulen. Und die Politik stellt sich taub. So geht das nicht weiter.“ (Oliver Hollenstein, ZEIT Hamburg, 07.07.2016, https://www.facebook.com/zeithamburg/photos/a.1400... )


Diskussion um die Zukunft der Stadtteilschulen
Stadtteilschulen bringen den größten Lernzuwachs
22.06.2016. Hamburgs Stadteilschulen wollen in Zukunft enger zusammenarbeiten und haben in einem Brief auf aktuelle und strukturelle Problemlagen der Stadtteilschulen hingewiesen. Die Grünen begrüßen das Engagement der Schulen. Sie sehen in den Stadtteilschulen weiterhin die Schulform mit dem größten Potenzial.
Dazu Dr. Stefanie von Berg, bildungspolitische Sprecherin der Grünen Bürgerschaftsfraktion: „Bei allen Problemlagen betrachte ich die Stadtteilschulen als die Schulform mit dem höchsten Potenzial. Die KESS-Studien machen deutlich: nirgends ist der Lernzuwachs größer. Deshalb begrüße ich den Brief und die Zusammenarbeit der Stadtteilschulleitungen ausdrücklich. Auch wir haben in den letzten Jahren immer wieder auf die Probleme der Stadtteilschulen hingewiesen und sie ernst genommen. Wir werden auch weiter versuchen die Stadtteilschulen zu stärken. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode haben wir uns dafür stark gemacht, Grundschulempfehlung zu modifizieren sowie die selbstverantwortete Schule als Qualitätsmotor betrachtet. Auch versuchen wir, die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer voranzutreiben. Wir laden die Stadtteilschulleitungen zu Gesprächen ein, um gemeinsam nach Lösungen und Möglichkeiten zu suchen.“
http://www.gruene-fraktion-hamburg.de/schule-berufsbildung/22-06-2016/stadtteilschulen-bringen-den-groessten-lernzuwachs


Presse Linksfraktion Hamburg
<pressestelle@linksfraktion-hamburg.de>
Datum: 22. Juni 2016 um 13:52
Betreff: PM Boeddinghaus „Ein deutliches Signal für eine Schule für Alle“

Ein deutliches Signal für eine Schule für Alle

Mit einer heute vorgestellten Initiative fordern 51 von 59 Stadtteilschul-Schulleitungen, das Zwei-Säulen-Modell zu einem einsäuligen Schulsystem, also einer gemeinsamen Schule für Alle, weiterzuentwickeln. „Ich bin begeistert von diesem Signal“, erklärt dazu Sabine Boeddinghaus, schulpolitische Sprecherin und Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft. „Vor allem, weil dieser deutliche Appell von ExpertInnen kommt, die wie niemand sonst profunde Kenntnisse darüber haben, was in Hamburgs Schulen schief läuft. Sie wissen auch, wie gleiche Bildungschancen für alle SchülerInnen unabhängig vom Elternhaus hergestellt werden können und wie die zunehmende soziale Ausgrenzung beendet werden kann.“
Den KritikerInnen des Zwei-Säulen-Modells wird oft unterstellt, die Stadtteilschulen schlechtzureden. „Das Gegenteil ist aber der Fall“, stellt Boeddinghaus klar. „Das verzweifelte Festhalten am nachgewiesen zutiefst unsozialen Modell von Gymnasien und Stadtteilschulen ist eine rein politische Entscheidung und entbehrt jeglicher pädagogischer Begründung. Der so genannte Schulfrieden, dem sich DIE LINKE nie angeschlossen hat, ist nicht Ausdruck von Frieden an den Schulen. Er fungiert vielmehr als Maulkorb zur Unterbindung der Schulstrukturdebatte und zur Stigmatisierung all derjenigen, die diese Debatte verknüpft sehen wollen mit notwendiger innerer Schulentwicklung. Denn beides gehört zusammen.“
Die Fraktion DIE LINKE lädt deshalb für den 2. Juli ein zu einer Zukunftswerkstatt in der Europaschule (Neustädter Str. 60) mit dem Titel „Schulfrieden brechen – jetzt!“. „Wir wollen damit einen Raum bieten für Kritik, aber auch für Phantasien und Visionen für eine gerechte und demokratische Schule“, erläutert Boeddinghaus. „Wir heißen alle dazu willkommen, die Interesse an einer grundsätzlichen Neubetrachtung unseres bestehenden Systems in einem offenen und wertfreien Diskurs haben.“ Ziel sei es, ein neues Bündnis in Hamburg zu schmieden, das 2020 den dann auslaufenden „Schulfrieden“ mit einem ganz konkreten Konzept für eine Schule für Alle ablöst, so die Schulpolitikerin. „Es wäre doch gelacht, wenn wir hier in Deutschland nicht das schaffen, was in fast allen europäischen Ländern um uns herum parteiübergreifend möglich gemacht wurde, nämlich eine einzige Schulform zu haben, die sich allen Kindern und Jugendlichen gleichermaßen verpflichtet fühlt und für ihre Entwicklung die volle Verantwortung übernimmt!“


22. Juni 2016/bsb22 
Bildungssenator Rabe steht zum Schulfrieden: „Stadtteilschulen sind großartige Schulen“ 
  
Guter Fachunterricht und besondere Förderung auch der leistungsstarken Schüler wichtig 
 Zur Zukunft der Stadteilschule sagt Bildungssenator Ties Rabe: „Hamburgs Gymnasien und Stadtteilschulen sind bei Eltern und Kindern beliebt und auf einem guten Weg. Der Senat steht fest zum vereinbarten Schulfrieden und tritt jedem Versuch entgegen, Gymnasien und Stadteilschulen abzuschaffen. Wir sollten uns nicht in Phantasien neue Schulreformen herbeireden  und die Schulformen gegeneinander ausspielen, sondern konzentriert Hamburgs Schulen weiter verbessern. In diesem Sinne habe ich im April einen Arbeitsprozess zur Stärkung der Stadtteilschulen in Gang gesetzt. Wir werden auf diesem Wege im Dialog mit allen Beteiligten weiterarbeiten und uns von aufgeregten Diskussionen nicht irritieren lassen. 
  
Hamburgs Stadtteilschulen sind gute Schulen. Alle haben Ganztagsangebote, bieten bis zum Abitur alle Schulabschlüsse und eine gute Berufs- und Studienorientierung. Dafür bekommen Stadtteilschulen fast 40 Prozent mehr Pädagogen als gleichgroße Gymnasien. Zudem helfen wir Schulen mit besonderen Problemlagen in sozial benachteiligten Gebieten mit einer Vielzahl zusätzlicher Unterstützungen. Dank dieser Ausstattung konnten die Stadtteilschulen in den letzten fünf Jahren die Zahl der Abiturienten verdoppeln, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss um ein Viertel reduzieren und 50 Prozent mehr Jugendlichen zu einem Ausbildungsplatz verhelfen. Zudem leisten Hamburgs Stadtteilschulen großartige Arbeit bei der Integration von Flüchtlingen und in der Inklusion. 
  
Bundesweit steigen die Anmeldezahlen an den Gymnasien. Es handelt sich dabei keineswegs um ein Hamburger Phänomen oder ein spezifisches Problem der Hamburger Stadtteilschulen. Im Gegenteil: In vielen Ballungsgebieten Deutschlands, beispielsweise in Köln/Bonn, Berlin/Potsdam, München, Nürnberg oder Dresden besuchen anteilig sogar noch mehr Kinder das Gymnasium als in Hamburg. 
  
Die hohe Zahl der Schulwechsler an den Gymnasien zeigt, dass für viele Schülerinnen und Schüler die Stadtteilschule die bessere Schulform wäre. Und auch für leistungsstarke Kinder sollte die Stadtteilschule eine Alternative sein. Deshalb muss die Stadtteilschule künftig gezielt auch Kinder und Eltern ansprechen, die bisher ihre Hoffnung auf nur das Gymnasium gesetzt haben. Eltern erwarten zu Recht guten Fachunterricht in den klassischen Unterrichtsfächern, gute und anspruchsvolle Bildung – und dazu zählen auch Leistung und Anstrengung – sowie eine gezielte Förderung von begabten und leistungsstarken Kindern. Die Stadtteilschule kann diese Erwartungen erfüllen. Daran wollen wir arbeiten. 
  
Und die Stadtteilschule kann noch mehr: Sie bietet auf dem Weg zum Abitur mehr Unterricht als das Gymnasium und damit mehr Zeit zum Lernen und zum Leben: das Abitur nach 13 Jahren, nicht nach zwölf, den Hauptschulabschluss nach zehn Jahren, nicht wie früher neun. Diese Zeit kann die Stadtteilschule für eine anspruchsvolle Pädagogik, gutes soziales Lernen sowie zur Verbesserung des Übergangs von der Schule in Beruf und Studium nutzen und damit Jugendliche in lebensentscheidenden Fragen erfolgreich begleiten. 
  
In diesem Sinne werden wir gemeinsam mit allen Beteiligten daran arbeiten, Hamburgs Schulen Schritt für Schritt weiter zu verbessern. Schulpolitik braucht Beständigkeit, Gelassenheit und Vernunft, keine Alarmrufe und künstliche Krisenstimmung.“ 
 

Für Rückfragen der Medien: 
  
Behörde für Schule und Berufsbildung 
Peter Albrecht, Pressesprecher
Tel. (040) 4 28 63 – 2003
E-Mail: peter.albrecht@bsb.hamburg.de 
Internet: www.hamburg.de/bsb

 

 

 

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