Gemeinnützige
Gesellschaft
Gesamtschule e. V.
Gesamtschulverband

- Landesverband Hamburg -

offener Brief

An die Leiterin des Amtes für Schule
Frau
Ingeborg Knipper
Postfach 76 10 48
22060 Hamburg

 

Hamburg, d. 29.08.02

Sehr geehrte Frau Knipper,

vor einigen Tagen erhielten wir, die Lehrerinnen und Lehrer der allgemeinbildenden Hamburger Schulen, von ihnen einen Brief.

Für Ihre guten Wünsche für unsere Arbeit möchten wir uns bei Ihnen herzlich bedanken.

Aus Gesamtschulsicht haben wir mit besonderer Freude zur Kenntnis genommen, dass Sie die Ergebnisse von PISA und LAU als "klare Vorgaben" für Ihre Arbeit ansehen. Hatten Sie sich doch noch vor kurzem für eine Stärkung des gegliederten Schulsystems ausgesprochen, so haben Sie inzwischen offenbar den Stand der Forschung nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern wollen auch Ihr Handeln daran ausrichten.

Somit können wir erwarten, dass Sie sich für einen Ausbau der Gesamtschulen einsetzen werden. Im Folgenden möchten wir mit einigen wenigen Belegen aus diesen beiden Studien die Gründe für unsere Zuversicht darlegen und Sie in Ihren Bemühungen unterstützen.

Sie und die derzeitige Hamburger Regierung wollen sich für mehr Gerechtigkeit im Schulwesen einsetzen. Daraus ergibt sich geradezu zwingend die Weiterentwicklung des Bestehenden zu einem Gesamtschulsystem, denn "in Deutschland ist der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb ... im Wesentlichen über Schulformzugehörigkeit und ... durch die differenziellen Entwicklungsmilieus, die Schulformen darstellen, bestimmt" (PISA 2000, S. 393). Schließlich wollen Sie ja soziale Benachteiligung im Schulwesen abbauen. Diese wird zur Zeit aber noch gerade durch das gegliederte Schulsystem verstärkt: "Ein unerwünschter Nebeneffekt der frühen Verteilung auf institutionell getrennte Bildungsgänge ist die soziale Segregation von Schülerinnen und Schülern." (a. a. O., S. 458) Dies hat sich beispielsweise auch in LAU 7 gezeigt: "Hingegen werden an den Haupt- und Realschulen ... die Kinder aus bildungsferneren Schichten benachteiligt. ... Eine statistisch nachweisbare Benachteiligung ist auch für die Kinder alleinerziehender Mütter festzustellen." (LAU 7, S. 151)

Dass die angebliche Durchlässigkeit des gegliederten Schulsystems hauptsächlich nach "unten" besteht, ist nun auch schon seit langem bekannt; diese Erkenntnis wird durch die Ergebnisse von LAU nur noch unterstützt: "Selbst von den leistungsstärksten Schülerinnen und Schülern der Haupt- und Realschulen findet also nicht einmal ein Viertel letztlich den Weg auf ein Gymnasium." (LAU 7, S. 152)

Auch die Beobachtungsstufen haben hier versagt: "Tatsächlich war es ein bildungspolitisches Ziel bei der Einrichtung von Beobachtungsstufen, die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu erhöhen. Keine der beiden Schulformen (d. h. HR-Schulen und Gymnasien, die Verf.) aber begünstigt solche Übergänge." (LAU 7, S. 163)

Ebenso sehen wir erwartungsvoll der längst überfälligen Abschaffung des Sitzenbleibens entgegen, denn "vor dem Hintergrund dieser Forschungslage werden die pädagogischen Wirkungen der Klassenwiederholungen in der Erziehungswissenschaft ganz überwiegend negativ eingeschätzt" (PISA 2000, S. 470). Ein weiterer positiver Effekt dieser Maßnahme: Es werden Gelder frei, die dann beispielsweise für notwendige Förderstunden, für Teilungsstunden oder für die Einstellung weiterer BeratungslehrerInnen zur Verfügung stehen.

Allenthalben wird in den letzten Jahren über zu geringe naturwissenschaftliche Kompetenzen der Schulabgänger geklagt. Dankenswerterweise wollen Sie auch diesen Missstand bekämpfen: "Der international wie der nationale Test lassen erhebliche Schulformdifferenzen in den Naturwissenwissenschaften erkennen. Sie weisen auf die Selektivität des dreigliedrigen Schulsystems hin, ..." (a. a. O., S. 244)

In diesem Sinne freuen wir uns auf eine Stärkung der bestehenden Gesamtschulen sowie auf die zügige Umgestaltung des gesamten Hamburger Schulwesens in Richtung auf ein integriertes Gesamtschulsystem, denn uns geht es wie Ihnen "um die Berufs- und Lebenschancen unserer Schülerinnen und Schüler".

Daher unterstützen wir auch ausdrüklich Ihre Absicht, "im kommenden Jahr die zur Verfügung stehenden Lehrerstellen gerechter" zuzuweisen, denn selbstverständlich muss eine Schulart wie die Gesamtschule, die all den oben geschilderten Ansprüchen weitaus eher gerecht wird als das gegliederte Schulwesen, auch entsprechend mit Stellen ausgestattet sein.

Wir wünschen Ihnen dabei auch viel Kraft für Ihre Auseinandersetzung mit Senator Lange, der ja vor wenigen Wochen erst im Gesamtschulbereich eine Kürzung von über zehn Prozent verfügt hat, eine Maßnahme, für deren Rücknahme Sie sich sicherlich energisch einsetzen werden.

Liebe Frau Knipper, Sie mögen aufgrund Ihrer neu gewonnenen bildungspolitischen Einsichten in der Regierung vielleicht zunehmend weniger Rückhalt haben, unserer Solidarität und vollen Unterstützung auf Ihrem nunmehr eingeschlagenen Weg können Sie aber sicher sein!

Ihr Landesvorstand der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule e. V. - Gesamtschulverband (GGG)

i. V. Andreas Baumgarten

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