Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule e. V.
- Gesamtschulverband -

Landesverband Hamburg


 

 

Presseerklärung

 

Mehrheit der Enquete-Kommission plädiert für Zwei-Säulen-System

 

Die Enquete-Kommission hatte sich viel vorgenommen. Im Hamburger Schulwesen sollte die Bildungsbeteiligung durch bessere Ausschöpfung der Bildungspotenziale gesteigert, die Bildungschancen sollten von der sozialen Herkunft entkoppelt, das Bildungsniveau sollte gehoben und die Qualität von Schule durch individuelle Förderung von Schülerinnen und Schüler verbessert werden. Dieser Zielsetzung kann jedermann nur zustimmen.

Zur Bewältigung dieser Aufgabe hat die Mehrheit der Kommissionsmitglieder – die GAL tritt weiter für eine Schule für alle ein - sich nicht für eine Schule für alle, die in vielen der bei der PISA-Untersuchung erfolgreichen Länder üblich ist, entschieden, sondern will der Politik empfehlen, in der Sekundarstufe I neben dem Gymnasium eine Stadtteilschule einzurichten. Schüler und Schülerinnen, die ausweislich der KESS-Ergebnisse in der Grundschule gemeinsam erfolgreich gelernt haben, sollen nach der 4. Klasse getrennt werden und ihre Schullaufbahn entweder in einer Stadtteilschule oder in einem Gymnasium fortsetzen. Die Kommission kann dafür weder begabungstheoretische noch pädagogische Gründe anführen. Sie beruft sich für ihre Entscheidung lediglich darauf, dass das von der Politik eingeführte Elternrecht dazu führen könnte, dass mehr als die Hälfte der Viertklässler das Gymnasium besuchen und der kleinere Teil sich auf eine Vielzahl weiterer Schulformen, wie sie in Hamburg bestehen, verteilen würde. Die vielen Schulformen könnten nicht flächendeckend angeboten werden.

Um neben dem Gymnasium eine andere Schulform flächendeckend anbieten zu können, sollen Haupt-, Real- und Gesamtschulen mit den Aufbaugymnasien und beruflichen Gymnasien zu Stadtteilschulen zusammengefasst werden. Diese Stadtteilschulen sollen gleichwertig wie das Gymnasium zum Abitur führen, wenn auch in 9 statt in 8 Jahren. Die Mehrheit der Enquete-Kommission sieht in diesem Nebeneinander zweier Schulformen einen „historischen Kompromiss“ zwischen dem dreigliedrigen Schulwesen auf der einen und der Gesamtschule auf der anderen Seite. Sie will damit künftigen Schulstrukturdebatten den Boden entziehen.

Diese Erwartung wird sich nicht erfüllen. Der Kompromiss birgt in sich so viel Konfliktpotential, dass ein Ende der Diskussion nicht absehbar ist. Das beginnt bei der Frage, wie die beiden Schulformen, die einander gleichwertig sein sollen, voneinander abgegrenzt werden können. Die bisherigen Versuche, den beiden Schulformen unterscheidbare Profile zuzuordnen bleiben vage und angreifbar. Da ist von „unterschiedlichen Lernzugängen“ die Rede, die aber bei einem zehnjährigen Kind noch keineswegs eindeutig erkennbar sind. Im Gymnasium soll „wissenschaftsorientiertes, eigenständiges Lernen“ im Mittelpunkt stehen; bei der Stadtteilschule das „handlungsorientierte Lernen“. So einfach geht das nicht: Wissenschaftsorientierter Unterricht gehört seit den Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates von 1969 zur Grundlage der Didaktik jeder Schulform. Und eigenständiges Lernen ist unumstritten eine Methode, die heute keine Schulform mehr für sich allein in Anspruch nehmen kann und die eher von Grundschulen und Gesamtschulen als anderen Schulformen entwickelt worden ist.

Wie man es auch dreht und wendet, alle Versuche zwei unterschiedliche Bildungswege pädagogisch oder gar gesellschaftlich zu rechtfertigen, müssen scheitern. So wenig wie es eine Begründung für das dreigliedrige Schulwesen gibt, so wenig gibt es eine für ein zweigliedriges. Schule im 21.Jahrhundert kann nur als ein Ganzes gesehen werden, das die Vielfalt der Lerngelegenheiten und die Möglichkeiten individueller Lernwege in sich vereinigt.

Die Bildungspolitiker aller Parteien haben erkannt, dass die Hauptschule als Restschule gescheitert ist; aber nicht alle wollen wahrhaben, dass damit das dreigliedrige Schulwesen gescheitert ist. Dem gegliederten Schulwesen liegt die Annahme zugrunde, dass der Unterricht dann besonders erfolgreich ist, wenn die Lerngruppen homogen zusammengesetzt sind. Die Hauptschulklassen in Hamburg sind homogene Lerngruppen und gerade hier ist erfolgreicher Unterricht in der Regel nicht mehr möglich. Nun sollen die Hauptschulen aufgelöst und mit Realschulen und Gesamtschulen zusammengelegt werden, um heterogenere Lerngruppen zu ermöglichen. Der Ansatz ist richtig, da eine heterogene Schülerschaft anregender und ertragreicher für alle Beteiligten ist. Doch darf man dabei nicht auf halbem Wege stehen bleiben und die Heterogenität der Stadtteilschule von vornherein dadurch erheblich einschränken, dass alle Schüler und Schülerinnen außen vor bleiben, die nach der Grundschule von ihren Eltern an einem Gymnasium angemeldet werden. Diese Vorgabe belastet die Schülerschaft der Stadtteilschulen von vornherein mit dem Makel eine negativ ausgelesene Schülerschaft zu sein.

Die Vertreter eines Zwei-Säulen-Systems stehen vor einem weiteren Dilemma. Die Heterogenität der Schülerschaft der Stadtteilschule soll möglichst breit sein. Das Gymnasium soll eigentlich nur von Schülerinnen und Schülern besucht werden, die intellektuell, physisch und psychisch robust genug sind, den verkürzten Bildungsgang zum Abitur problemlos zu bewältigen. Das Recht der Eltern aber, darüber zu entscheiden, welche Schulform ihr Kind nach der Grundschule besuchen soll, soll unangetastet bleiben. Die bisher vorgetragenen Lösungsversuche zur Steuerung der Schülerströme unter diesen Bedingungen können nicht befriedigen. Ob nun die Grundschulempfehlung durch einen kompetenzorientierten Test abgestützt oder die Grundschulempfehlung wegfallen, der Test aber eingeführt werden soll, in jedem Fall besteht die Gefahr, dass der Grundschulunterricht auf diesen Test ausgerichtet wird, da ehrgeizige Eltern, die ihr Kind unbedingt auf dem Gymnasium sehen wollen, es verlangen werden. Das sollte der Grundschule erspart bleiben.

Auch das Gymnasium soll sich verändern. Sitzenbleiben und Abschulungen sollen reduziert werden. Nach der 6. Klasse soll für das Gymnasium die letzte Möglichkeit sein, Schüler und Schülerinnen, die den gymnasialen Anforderungen nicht gewachsen erscheinen, auch gegen den Elternwillen abzuschulen. Dieser Cut nach zwei Schuljahren wird den Unterricht in der Beobachtungs- oder Auslesestufe erheblich verändern. Er wird insbesondere für die Schülerinnen und Schüler, denen es an der erforderlichen Robustheit fehlt, zu einer schweren Belastungsprobe. Lehrer und Lehrerinnen müssen die Schüler und Schülerinnen von Anfang an unter dem Blickwinkel betrachten, ob die Schule sie behalten will und kann. Zentral vorgegebene Vergleichsarbeiten kommen erschwerend hinzu. Das konterkariert jede fördernde und fordernde Pädagogik.

Aber auch die Stadtteilschulen wird dieser Einschnitt vor große organisatorische und pädagogische Probleme stellen. Die Schulen werden vor der Frage stehen, ob sie die Rückläufer in bestehende Klassen integrieren oder bestehende Klassen auflösen und zusammen mit den Rückläufern neue Klassen bilden oder nur für die Rückläufer neue Klassen bilden. In dem einen Fall wird für die Schülerinnen und Schüler, die die Stadtteilschule seit der 5. Jahrgangsstufe besuchen, die Kontinuität ihres Lernprozesses unnötigerweise unterbrochen; im anderen Fall müssen in jedem Jahrgang nebeneinander Klassen geführt werden, die die Arbeitsweisen im Unterricht und die Rituale des Schullebens kennen, und solche, die sich untereinander kennen lernen und in die Besonderheiten der neuen Schule hinein finden müssen. Wie auch immer verfahren wird, in jedem Fall ergibt sich für alle Beteiligten eine schwierige Situation, die der pädagogischen Arbeit nicht förderlich ist.

Noch gar nicht absehbar ist, wie die Gymnasien damit umgehen werden, dass sie in den Klassen 7 bis 10 das Sitzenbleiben reduzieren und auf das Abschulen verzichten sollen. Bisher gehörten diese Instrumente zum Grundbestand der Gymnasialpädagogik.

 

Die Probleme, die das Zwei-Säulen-System für Schülerinnen und Schüler, für Eltern und für Lehrerinnen und Lehrer mit sich bringen wird, werden größer sein, als jetzt vorhersehbar ist. Es wird viel organisatorische und pädagogischer Fantasie und Kraft notwendig sein, die mit jedem Reformprozess unvermeidlich verbundenen Schwierigkeiten zu bewältigen, viele werden unter den Systemvoraussetzungen unlösbar bleiben. Da ergibt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, die Fantasie und Kraft, die hier in ein Reform-Stückwerk investiert werden, gleich dafür zu nutzen, die eine Schule für alle auf den Weg zu bringen. Eine Schule, die die Chance hätte, die von der Enquete-Kommission angestrebten Ziele zu erreichen.

 

Hamburg, den 25.01.2007

 

Jürgen Riekmann
Mitglied im Landesvorstand der GGG
Landesverband Hamburg

 

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