Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule e. V.
- Gesamtschulverband -

Landesverband Hamburg


 

Ein Schritt in die richtige Richtung?

Die Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und GAL bleibt für den Bereich Bildung weit hinter dem vom Gesamtschulverband angestrebten Ziel, eine Schule für alle Schülerinnen und Schüler bis zum Abschluss der Sekundarstufe I zu schaffen, zurück. Trotzdem ist die Verlängerung der Grundschulzeit und damit die Verlängerung der Zeit des gemeinsamen Lernens als ein Schritt in die richtige Richtung zu begrüßen.

Die angestrebte Schulstruktur führt, da sie auf halbem Wege stehen bleibt,  zu pädagogisch-organisatorischen Problemen, die es in den Gesamtschulen nicht gibt. Es ist eine der Stärken der Gesamtschule, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler in einem kontinuierlichen Bildungsgang von der Jahrgangsstufe 5 bis zur Jahrgangsstufe 10 ohne Sitzen bleiben und ohne Abschulungen fördern und fordern kann. Diese Kontinuität wird durch die Notwendigkeit, in der Stadtteilschule zu Beginn der Jahrgangsstufe 7 neue Klassenverbände bilden zu müssen, unterbrochen. Dabei müssen die äußere Fachleistungsdifferenzierung und / oder die klasseninterne Differenzierung und die Einführung weiterer Wahlpflichtbereiche bedacht werden. Betroffen sind im Wesentlichen die Stadtteilschulen, die es im Unterschied zu den Gymnasien mit einer nicht ausgelesenen heterogenen Schülerschaft zu tun haben.

Diesem Problem muss durch eine besonders enge Kooperation zwischen den Primarschulen und den Stadtteilschulen Rechnung getragen werden. Es ist davon auszugehen, dass nach der Einführung eines diagnosegestützten Verfahrens für den Übergang in ein Gymnasium in nahezu allen Stadtteilen die Mehrheit der Primarschüler auf die Stadtteilschule übergeht  Für diese Schülerschaft muss ein Höchstmaß an Kontinuität zwischen dem Unterricht in der Primarschule und in der Stadtteilschule gewährleistet werden. Die in der Koalitionsvereinbarung vorgesehene Anbindung von Unterstufen oder ganzen Primarschulen an Gymnasien verhindert die flächendeckende Kooperation zwischen Primarschulen und Stadtteilschulen.

Die Anbindung von Primarschulen an Gymnasien ist noch aus einem anderen, eher gesellschaftspolitischen Grund abzulehnen. Mit der Verlängerung der Grundschulzeit soll die in Deutschland übliche verfrühte Selektion der 10-jährigen hinausgeschoben werden.

Das aber ist nur zu gewährleisten, wenn die Primarschulen untereinander gleichwertig sind und von den Eltern auch so eingeschätzt werden. Primarschulen, die selbstständig oder Schulen angegliedert sind, die von allen Schülern und Schülerinnen auch nach der Jahrgangsstufe 6 weiter besucht werden können, bieten dafür die Gewähr.

Werden einige Primarschulen Gymnasien zugeordnet, wird dieses Prinzip der Gleichwertigkeit verletzt. Das hat nichts mit der pädagogischen Arbeit der jeweiligen Primarschule zu tun; es hat etwas damit zu tun, dass Primarschulen, die Gymnasien zugeordnet sind, in den Augen vieler Eltern als die „besseren“ eingeschätzt werden.  Vermeintlich besser, weil hier die Schüler und Schülerinnen – zumindest die, die am Gymnasium verbleiben dürfen - kontinuierlich von der Jahrgangsstufe 1 oder 4 bis zum Abitur geführt werden. Eltern, die ihr Kind unter allen Umständen auf ein Gymnasium schicken wollen, werden die Primarschule, die einem Gymnasium zugeordnet ist,  als die bessere Vorbereitung für eine gymnasiale Schullaufbahn ansehen. Weil das so ist, werden viele Eltern versuchen, für ihr Kind einen Platz an einer solchen Schule zu erhalten.

Damit würde die Selektion, die eigentlich hinausgeschoben werden soll, entgegen allen proklamierten Intentionen nach vorne in die 1.oder die 4. Klasse verlegt. Das kann nicht gewollt sein. Mit einer solchen Maßnahme fielen die Koalitionäre hinter den Schulkompromiss der Weimarer Republik zurück, da sie die 1919 abgeschafften Vorschulen der Gymnasien in veränderter Form wieder aufleben ließen.

Viele dieser Probleme ließen sich leichter lösen, wenn das Prinzip der Bezirksgrundschule wieder eingeführt würde und nur in begründeten Ausnahmefällen durchbrochen werden dürfte. Es ist auch kein Grund dafür ersichtlich, alle Primarschulen organisatorisch zu verselbständigen und bewährte Langformen von Grund-, Haupt- und Realschulen oder von Grundschulen und Gesamtschulen aufzulösen.

 

Ausdrücklich zu begrüßen ist die vorgesehene Frequenzsenkung in der Primarschule und der Ausbau von Ganztagsschulen in der gebundenen Form. Es fehlt aber die Empfehlung der Enquete-Kommission, die Basisfrequenzen der Stadtteilschulen deutlich kleiner ausfallen zu lassen als an Gymnasien. Das ist im Hinblick auf den in der Koalitionsvereinbarung festgelegten erweiterten Bildungsauftrag der Stadtteilschulen erforderlich. „Die Stadtteilschulen ermöglichen durch Differenzierung und Individualisierung des Lernens den Erwerb des Hauptschulabschlusses, des Realschulabschlusses sowie der Allgemeinen Hochschulreife; der Bildungsgang des Gymnasiums ist auf den Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife ausgerichtet.“

Vage bleiben die Ausführungen zu den „regionalen Bildungskonferenzen“. Sie sollen für ihre jeweilige Region – was ist eine Region? – einen Schulentwicklungsplan erstellen. Wie das geschehen soll, bleibt offen. Die Koalitionäre scheinen darauf zu hoffen, dass es im Konsens mit allen Beteiligten möglich ist. Das ist eine schöne Idee, die aber angesichts der unterschiedlichen Interessen der einzelnen Schulen, die in diesen Bildungskonferenzen aufeinander stoßen werden, als naiv bezeichnet werden muss. Es wird nicht ausreichen, dass die regionale Schulaufsicht an diesem Entscheidungsprozess nur „mitwirkt“, die Bildungsbehörde  wird diese Bildungskonferenzen leiten und in Konfliktfällen auch Entscheidungen treffen müssen.

 

Hamburg, 24.04.2008

 

 

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